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M83 Hurry Up, We’re Dreaming [Album]
Artist: M83 Titel: „Hurry Up, We’re Dreaming” VÖ: 14.10.2011 Katalog-Nr.: Format: CD / DOWNLOAD Label: Naïve Vertrieb: Indigo Website: www.ilovem83.com Website: www.facebook.com/m83music
Etwas richtig Großes aufzuziehen ist eigentlich nicht so schwer. Queen’s “Bohemian Rhapsody”, Pink Floyd’s “Comfortably Numb”, Harry Nilsson’s “Without You”, Jimmy Webb’s “MacArthur Park”, Guns N’ Roses’ “Sweet Child o’ Mine”... die Rockgeschichte ist voll von absurden und größenwahnsinnigen Songs, die oft aufgebläht und überlastet sind, Songs, die als Gefühlswegweiser bekannt sind, ohne jedoch wirkliche Emotion zu kommunizieren. Diese Großleinwandaufnahmen mögen beeindruckend sein - aber ein Stück, das einen überwältigenden Nervenzellenkurzschluss auslöst, mit wirklicher Emotionalität zu füllen, d.h. es erinnerungswert aus anderen Gründen als Gigantismus zu machen, ist sehr viel schwieriger.
Dies ist ein Talent, dass Anthony Gonzalez mit dem Doppelalbum “Hurry Up, We’re Dreaming” jetzt klar gemeistert hat: Eine Aufnahme, die eine brillante Verhandlungslösung zwischen den vordergründig im Konflikt stehenden Anforderungen des kommerziellen Pop‘s und des experimentellen Rock‘s darstellt, und einige wirklich gigantische Aufnahmen beeinhaltet. Gonzalez, der aus Antibes an der französischen Riviera stammt, hat stetig daran gearbeitet, die Kunst des bombastischen Alternativpops zu perfektionieren, seitdem er M83 2001 gründete. Das im selben Jahr veröffentlichte Debüt “M83” und das zwei Jahre später veröffentlichte Nachfolgewerk “Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts” etablierten ihn als Schwergewicht in der Postrock-Glückseligkeitspop-Kosmoelektronika-Liga: ein begabter Produzent von dunstigen, fantastisch geschichteten, unwiderstehlich narkotisierenden, epischen Traumlandschaften, hervorgebracht (meist im Alleingang) aus verfremdeten Elektronika, plüschigen Synthesizern, gemurmelten Vokals und effektlastiger Gitarre.
Das 3. Album “Before the Dawn Heals Us“ (2005) betonte den filmischen, sternengesprenkelten Vordergrund, fügte jedoch auch eine dunkle Seltsamkeit hinzu. In 2007 veröffentlichten M83 das vollständig im Ambientgenre produzierte “Digital Shades Vol. 1”. Es war dann “Saturday = Youth” aus 2008, ein mit Nostalgie aus Gonzalez’ Teenagerzeit vollgesogenes Werk, welches einschränkungslos Künstler wie Kate Bush und Jean-Michel Jarre feierte, das den Weg für das monumentale “Hurry Up, We’re Dreaming” bereitete.
Die Einspielung, co-produziert durch den Bassisten Justin Meldal-Johnsen (bekannt durch seine Arbeit mit Beck, NIN, The Mars Volta) und abgemischt von Tony Hoffer (Air, Kooks), dauerte 13 Monate. Mit dabei als Gastsänger sind Zola Jesus (auf “intro”) Brad Laner (“Splendor”), sowie Beiträge von Gonzalez’ Bruder Yann. Gonzalez’ Entscheidung, ein Doppelalbum mit 22 Titeln einzuspielen, ist das Ergebnis einer Jugend, die vom „White Album“ der Beatles, „Ummagumma“ von Pink Floyd sowie von Smashing Pumpkins’ „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ geprägt wurde. “Künstler, die etwas so Riesiges wie ein Doppelalbum versucht haben, waren immer eine Inspiration für mich,” erklärt er. “Es ist sehr viel Arbeit, aber ich wollte immer eines Tages so etwas erreichen, und es fühlte sich jetzt nach der richtigen Zeit für so etwas für mich an”.
Der ironisch-widersprüchliche Titel ist ein Verweis an ein lose-benutztes Thema von Traum und Erinnerung, beides Dinge, die einen größeren Platz in Gonzalez’ Leben einnahmen, nachdem er im Januar 2010 nach Los Angeles umgezogen war. “Die ersten drei Monate waren sehr hart”, lässt er wissen. “Ich fühlte mich, während ich am Album arbeitete, einsam in meinem Apartment, und - ich weiß wirklich nicht, warum - ich fing an, mich an meine Kindheit zu erinnern. Das machte mich - im guten Sinne - nostalgisch, und ich erinnerte mich an einige meiner Träume, als ich ein Kind war - nichts sehr Konkretes, mehr das Gefühl. Ich dachte dann, dass das ein gutes Konzept für das Album sein würde. Es ist eine Retrospektive meines Lebens, von der Kindheit über Teenagerdasein zum Erwachsenen.” Diese Erinnerungen tauchen besonders explizit in zwei Titeln auf: “Raconte-Moi Une Histoire” (als er 5 Jahre alt war, kaufte seine Mutter ihm oft eine Kinderzeitschrift mit eben diesem Titel, auf deren Titelseite eine Kassette mit Märchengeschichten aufgeklebt war) sowie “OK Pal”, in dem Gonzalez an eine Episode aus seinen Teenagerjahren erinnert, “wenn man zum ersten Mal jemanden trifft, der einen wirklich versteht”.
Der Albumtitel ist auch eine treffende Zusammenfassung sowohl der beiden Stimmungen der Aufnahme: drängend auf der einen, beschaulich auf der anderen - als auch Gonzalez’ dualer Identität als Dancefloor-Enthusiast und solipsistischen Betrachter. “Midnight City” ist ein großer Brocken glitzernder und euphorischer Nu-Disco, welcher die Punkte zwischen Peter Gabriel und Underworld verbindet, und nicht nur das große “No-Go” gegenwärtiger Popmusik beinhaltet - ein Saxophon-Solo - sondern auch ein ausgeblendetes Ende. Auch “Reunion”, ist auf einem triumphierend-riesigen Maßstab aufgebaut: mit seinen Baumkuchenartig-geschichteten Vocals suggeriert es Toto, produziert durch My Bloody Valentine. Und “Claudia Lewis” vereint M83s Gefühle für 80er-Jahre Musik von Zuneigung bis zu leidenschaftlicher Liebe, sogar ein Slap-Bass à la Level 42 wird eingeschmuggelt.
Im Gegensatz dazu wickelt “Where the boats go” wabernde Poplandschaften um eine sombere Piano-Coda, das treffend-betitelte “Splendor” erzeugt göttlich fluchbeladenen, Synth-zentrierten Romantizismus und der Joker des Albums, “Soon my friend” verlässt alles Elektronische zugunsten der Akustikgitarre, Streichern, Blechbläsern und einem Chor. “Ich mag die Tatsache, dass das Album eine Achterbahn ist,” sagt Gonzalez”. “Manchmal geht es schnell, und dann wird es für eine Weile langsamer. Man kann nicht immer beim gleichen Tempo bleiben.”
Dieses Album ist episch nicht nur bezüglich seines Maßstabes, sondern auch seiner Struktur, mit Einleitung und Finale, und kurzen Tracks wie “Train to Pluton” und “Fountains”, die als Zwischenspiele fungieren. M83s Musik wurde schon lange als Film-artig beschrieben, nicht zuletzt durch Gonzalez selbst, der ein großer Filmfan ist (Terrence Malick’s „Days of Heaven“, „Nowhere“ von Gregg Araki, Werner Herzog’s „Aguirre, der Zorn Gottes“ und Todd Haynes’ „Safe“ sind einige seiner Favoriten). “Das gesamte Album ist wie ein Film, mit Vorspann und Abspann” erklärt er. “Es ist eine Reise, weißt Du”.
Die Liebe zum Kino hat Gonzalez sogar geholfen, seine Stimme zu verbessern. Wenn er im Studio schreibt, laufen oft Filme im Hintergrund, mit dem Ton auf stumm geschaltet. Während er an “Wait” arbeitete, schaute er “Aguirre, der Zorn Gottes” an, “mit Klaus Kinski und all’ seinem Zorn. „Und so entschied ich mich, etwas zu tun, bei dem ich beinahe schrie, alleine in meinem Studio in LA. Das inspirierte mich, mit meiner Stimme weiterzugehen. Morgan [Kibby, Keyboarder und Sänger] kam in’s Studio und ich spielte ihr das als ein Zwischenergebnis vor. Sie sagte, ich solle anfangen, so zu singen. Und das war dann eine Art Entdeckung. Eine gute, hoffe ich!”.
Kings Of Leon, The Killers and Depeche Mode - mit allen tourten M83 in 2010 - können sich auch einigen Verdienst für die wuchtigere Stimme von Gonzalez anrechnen. Wie er sagt: “Wenn man alle diese Frontmänner so selbstbewusst vor einem großen Publikum auf der Bühne sieht, gibt einem das auch Selbstvertrauen, das Gleiche zu versuchen - und das wollte ich mit diesem Album tun. Ich sagte zu mir selbst: “Okay Anthony, du bist jetzt 30 geworden. Es ist Zeit für Dich, weniger schüchtern vor einem Mikrofon zu stehen.” Ich hatte nie zuvor so laut auf einem Album gesungen.”
Die überraschende Breitwandmonumentalität und die verführerische Diskokugelblendung von Songs wie “Midnight City” forderte Gonzalez’ Produktionstechnik heraus “da [seine] Geschichte sehr indie , sehr postrock, ambient und filmisch ist. „Aber ich war immer von Pop Künstlern fasziniert, insbesondere in den 80ern - Tears For Fears, Prefab Sprout, The Thompson Twins alle diese Bands sind ein großer Einfluss auf diesem Album. Es ist mein Erstes, auf dem das musikalische Spektrum so weit ist, und das ist sehr wichtig für mich. Die meiste Zeit erinnern sich die Leute nur an meine filmischeren und melancholischeren Songs, aber ich möchte auch erreichen, dass sie sich an meine Popsongs erinnern.”
Gonzalez entschuldigt sich nicht für seine Romantisierung der 80er mit Synthie, Slap-Bass, Sin-Drums und Saxophonsolo auf “Hurry Up, We’re Dreaming“. Er ist süchtig nach den 80ern. “Ich bin verliebt in den 80er-Jahre- Sound. Ich dachte immer, dass die Produktionen aus dieser Zeit atemberaubend waren, sehr klar, sehr machtvoll, mit nicht sehr vielen Bausteinen. Kommerzielle Musik war damals besser. Damit möchte ich nicht sagen, dass Musik heute schlecht ist - im Gegenteil, sie ist sehr interessant und sehr viel ist auch sehr innovativ - aber wenn man heute Radio hört, klingt es wie Mist. Damals hörte man im Radio Blondie, Madonna, Michael Jackson, Tears For Fears, Talk Talk... es gab großartige Songs, die auch fantastische und bedeutende Kunstwerke waren.”
Fantastische Songs die auch bedeutungsvolle Kunstwerke darstellen - für M83 heißt das, dass Instrumente live im Studio gespielt werden, und nicht durch einen Computer, abgesehen von der Pro Tools Software, die er für den eigentlichen Aufnahmeprozess verwendet. Er mag von den unglaublich üppigen futuristischen Synthesizern von Jean-Michel Jarres “Oxygene” hingerissen gewesen sein, als er ihn als Kind im Fernsehen sah, aber diesen Futurismus zu duplizieren war niemals Gonzalez’ Ziel. “Die Hauptidee war mehr, etwas auf eine Weise zu tun, wie Leute früher Alben gemacht haben, als vor dem Computer. In ein richtiges Studio gehen, die Zeit nehmen, den richtigen Gitarrensound zu finden.... es ging mir viel um das Handwerk.”
“Meine Geschichte ist die eines jeden Künstlers”, vermutet Gonzalez. “Ich habe jetzt mehr Erfahrung, ich bin reifer und ich habe mehr Vertrauen in meine Musik. Das ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich Ideen in meinem Kopf direkt in Musik umsetzen kann, etwas das ich zuvor nie konnte. Ich bin ein großer Romantiker, besonders in Bezug auf Musik” fügt er hinzu. “Es gibt nichts Schöneres als eine gute Aufnahme, die man auf einer guten Anlage anhören kann.” Etwas Bedeutendes - und Großartiges - könnte er an dieser Stelle hinzufügen.
Web: www.ilovem83.com www.facebook.com/m83music
Video / Audio: M83 “Midnight City” Youtube: http://youtu.be/dX3k_QDnzHE tape.tv: http://www.tape.tv/musikvideos/M83/Midnight-City
Soundcloud: http://soundcloud.com/m83
Live: 22.02.12 Hamburg - Uebel & Gefährlich 02.03.12 Berlin - Columbiahalle 03.03.12 Köln - E-Werk 05.03.12 München – Hansa 39
 
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